alte Geschichten... Percht

Das ausgeblasene Licht

Am Fuß eine Gebirges stand ein altes Bauernhaus. Da zog in jeder Berchtanacht Frau Berchta vorüber. Die Heimchen begleiteten sie auf ihrer Fahrt.

Nun war es einmal so Sitte und geschah aus alter Verpflichtung, daß die Bäuerin einen Tisch mit Speis und Trank am Hohlweg aufstellen mußte, wo der nächtliche Umzug entlang fuhr. Dann sprach Frau Berchta den Segen über die Gaben und die Geber, kostete wohl und blieb den Feldern, dem Vieh und der ganzen Sippe gewogen. Aber es waltete ein strenges Gebot, daß keiner an solchem Abend aus diesem Hause ging zu spähen oder zu lauschen, damit Frau Berchta nicht in frevelhafter Neugier belästigt würde, wenn sie sich einmal erquicken wollte.

An einem solchen Abend, als die Bäuerin wieder den Tisch an der Schlucht mit Sorgfalt bereitet hatte, und eben der Mond über den Bergwald aufstieg, da wurde die jüngste Magd des Hauses von Zweifel und Neugier geplagt.

Alsbald schlich sie sich hinüber, verbarg sich hinter dem Heuschober und lugte nach dem festlichen Tisch, auf dem noch die Speisen dampften.
So harrte sie ungeduldig, was sich begebe und trat von einem Fuß auf den anderen. Aber da wollte sich gar nichts tun. Kein Hase sprang über das Schneefeld, kein Vogel hing im vereisten Gezweig der Birke, die sich glitzernd wie ein Glasbaum im Mondlicht über die Tafel bog. Es schläferte schon die Stille des Wartens zu ihr herein, und das Mädchen verlor seinen Glauben an die Berichte der Alten.

Da ... endlich erhob sich ein feines Zirpen vom Bergwald her, wie Liedersingen und Saitenklang. Erst kam näher mit trippelnden Schritten im weichen Schnee die Schar der seeligen Heimchen. Voraus schritt Frau Berchta selbst, um sie herum verdichtete sich der Mondschein zum Glanz. Die Kleinen hingen ihr an und schlüpften unter ihren wallenden Mantel wie Kücklein unter die Fittiche der Glucke. Andere summten und sangen zu Zitter und Geige mit silberner Stimme. Am Ende schleppten sich einige mit einem schweren Pflug, der schleifte über die Äcker hin. Auch Krüge mit goldenem Tau gefüllt trugen die Kleinen. Der schwappte über und drang durch den Schnee in den schlummernden Boden.

Jetzt blieb Frau Berchta nachdenklich hinter dem Gabentisch stehen und sagte zu einem der Heimchen: "Ich sehe zwei Lichter, die sind zuviel, geh' hin und blase sie aus."
Das Mädchen hinter der Holztür fühlte den kalten Anhauch auf seiner Wimper, und der Mondschein erlosch. Es stülpte sich über sie hin wie ein schwarzer Sack. Das schöne Singen vergrollte in Weh und Ach. Erschrocken stieß sie die Türe auf, aber auch draußen blieb sie in ihrer Lichtlosigkeit gefangen. Der Mond war tot.

So tappte sie weinend zum Hof zurück und suchte im Rauchfang nach dem gewohnten Leuchten der Flamme, aber die Herdglut biß nur ihre Haut und sengte die Wimpern, denn der Blick war erloschen.
Blind war sie, und geblendet blieb sie, da half ihr kein weises Sprüchlein.

Nun aber lebte auf diesem Hof eine uralte Frau. Die war noch von der anderen Welt. Sie saß zu jeder Stunde am Herd, spann im Rauch und roch das Unsichtbare. Die Kunde von den alten Zeiten war ihr noch zugegen, und sie wußte mehr von dem Wechsel und Wandel der Dinge als die anderen.
Manchmal... mitten im fleißigen Spinnen, hielt sie das Rädchen an, legte die welken Hände in den Schoß, blickte wie in weite Ferne und seufzte aus glücklicher Erinnerung: "Ach, das waren noch Zeiten, als Berchta spann", dann brach ein Leuchten aus in ihren alten Augen, als wäre die Angerufene eingetreten.

Nun mußte die sonst so flinke Magd viel bei der Alten am Rauchfeuer sitzen und spinnen, Flachs brechen, hecheln oder sonst eine Arbeit machen, wie sie auch wohl ein Blinder zusammentastet. Aber sie saß da, steif und verstockt an der Glut, und ihre junge Seele war eingefroren vor bitterem Harm. Also verharrte sie in den Wintertagen vor Trotz und kein Trost der Alten vermochte sie zu erwecken.

Als aber endlich der Frühling aus allen Büschen brach und das erste Vogellied aus den Blumengarten herüberwehte, da taute ihre Seele auch wieder auf, und die Geblendete rief vor Freude:
"Hörst Du, Großmutter, so hör doch, wie der Vogel ruft. Was er wohl weiß, was er wohl will. Oh, wer nur die Sprache der Tiere verstünde, was möchte man da alles erfahren."
Da lächelte die Alte und sprach: "Auf dieses Lied habe ich lange gewartet. So will ich Dir aus alter Erfahrung erzählen, was mir für Kunde wurde aus jener Zeit, als noch Frau Berchta überall unter den Menschen gewirkt hatte."
Sie knüpfte einen neuen Faden an den alten und erzählte von der Waldfrau, der Spinnstubenmuhme, der Herrin des Rosengartens und der Mutter der Heimchen. Immer neue Geschichte lockte die Junge aus ihr heraus und erhellte damit ihr dunkles Jahr bis wieder die Heiligen Zwölften kamen.

Schon duftete es im Garten nach Honigkuchen und süßem Gewürz, schon schwang die Verheißung vom Kind über die ganze Erde hinaus, schon rüstete sich die versunkene Sonne zur Wiedergeburt aus dem Schatten der Wendenacht.
Oft lag das Mädchen lange noch lauschend wach auf seinem Lager und bedachte alles, was der alten Großmutter Mund ihr verkündet hatte. Sie hatte sich selbst wie in einem Spiegel gesehen, durch die ihr die inneren Augen geöffnet waren. Sie hatte dies alles gelebt und gelitten wie eigenes, und da sie nun hinauslauschte in die Nacht aller Nächte, da wußte sie, daß die Erfüllung kurz bevor stand. So lag sie dann und wartete auf die Stunde, da gewahrte sie vom Kuhstall herauf ein sonderbares Getue.

Sie hörte, wie der Stier seine Hörner am Krippenholz wetzte. Und sie vernahm deutlich aus seinem wiederkäuenden Maul die dunklen Worte: "Du", sagte der Stier zur Kuh, " wußtest Du auch schon, das Berchta der Blinden vergeben will?"
Da antwortete die Kuh: "Du, weißt Du auch schon, daß Frau Berchta die Blindheit von diesem Mädchen nehmen will?"
"Wie aber soll das geschehen?", fragte dumpf der Stier.
Da antwortete die Kuh: "Es wird geschehen, wie Frau Berchta der alten Großmutter verkünden wird."

Dies alles geschah nun dem Mädchen wie im Traum. Sie vermochte kein Glied zu regen, und es war diese Nacht voller verworrener Stimmen und dunkler Gesichter.
Am Morgen berichtete sie der Alten, was ihr die Tiere verheißen hatten.
Da sagte diese: "In dieser Nacht sah ich Frau Berchta über die Berge gehen. Sie sah aus wie meine selige Mutter, grüßte vertraulich und gab mir eine Bestellung mit. Du sollst ihr am Berchtenabend den Tisch an der Schlucht bereiten, dort will sie dir noch einmal erscheinen."
Ein Wort stützt nun das andere und so mag es denn wohl geschehen.

Die Sonne versank in der zwölften Nacht, da nahm die alte Großmutter das blinde Mädchen zu Hand und ging mit hinauf an den Hohlweg. Unter der Birke schlug nun die Blinde den Tisch auf, bereitete weißes Linnen darüber, strich das Tuch mit Sorgfalt glatt und rückte Schüsseln und Krüge zurecht. Aus ihren tastenden Händen stieg der Blinden das Bild des vorigen Jahres wieder herauf, wo sie beim Blick auf diese Gaben in ewige Nacht gefallen war. Ihre Augen wurden zu zwei lebendigen Brunnen und die salzigen Tropfen sickerten in das weiße Linnen.

Da hörte sie eine gütige Stimme, die fragte ganz dicht über ihren Augen: "Der Mond, der scheint, wer barmt, wer weint?"
"Ach", so klagte sich das Mädchen nun schuldig. "Ich wollte Frau Berchta mit Augen sehen, und das war doch gegen ihr Gebot. Ich glaubte es nicht und verlor den Mond, die Sonne und aller Dinge Leuchten."

Da sagte Frau Berchta, denn sie selbst war gekommen mit ihren Heimchen: "Das soll wohl wahr sein. Vor einem Jahr habe ich an dieser zwei Augen gelöscht und dafür zwei innere Lichter angezündet. So trage denn doppeltes Licht, gehe hin und vergeß' das Beste nicht."
Und sie blies dem blinden Mädchen in die toten Augen, also dass dass Licht wieder aufblühte mit all seinen Sternen, und alles rings herum schien wie im Jahr zuvor.
Der Mond schien auch, der Tisch war zubereitet unter der glitzernden Birke, doch Frau Berchta mit ihren Heimchen war schon längst über alle Berge gezogen.
Von fern nur wehte es noch wie Gesang und liebliches Saitenspiel.



K. Paetow: Frau Holle, Märchen und Sagen, Hannover 1952

12.11.08 18:11


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